20 Jahre Mauerfall - Projekt der Fachschaft Geschichte im Schuljahr 2009/10

Geschrieben von Horst Lechner:

Das für die deutsche und europäische Geschichte so epochale Ereignis des Mauerfalls vor 20 Jahren würdigt die Fachschaft Geschichte mit der Gestaltung von Pinwänden durch die 10ten Klassen.

Die zusammengestellten Bild- und Textdokumente zeigen u. a. die Vorgeschichte der Ereignisse in der DDR, vor allem die Umgestaltung der UdSSR unter Gorbatschow, die Fluchtbewegungen der DDR-Bürger, die friedlichen Demonstrationen im Kontrast zu den offiziellen Feiern zum 40sten Jahrestag und die ersten Zerfallserscheinungen des SED-Regimes. Erster ganz großer Höhepunkt dieser Wendeereignisse war der spektakuläre Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989, ausgelöst durch Politbüromitglied Günter Schabowskis Aussagen vor der internationalen Presse.

In den folgenden Wochen sollen diese Schauwände parallel zu den weiteren Ereignissen in der DDR bis hin zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten am 3. Oktober 1990 ergänzt werden. Die derzeitige Ausstellung wird attraktiv angereichert durch die Präsentation eines „Trabi“, der geradezu als Symbol der Sehnsucht der DDR-Bürger nach Reisefreiheit, nach Freiheit generell angesehen werden kann.

                                          

Geplant sind ferner Begegnungen der Schüler mit  Zeitzeugen der damaligen Ereignisse. Angesichts seines angeschlagenen Gesundheitszustandes hat Günter Schabowski seine Zusage zu einem Besuch bei uns leider nicht einhalten können. Für einen Vortrag mit anschließendem Gespräch am 11. Dezember, 3. und 4. Stunde,  konnte aber Josef Budek, Berlin, gewonnen werden. Die Schwerpunkte seiner Betrachtunfgen sind das Ende der DDR, die DDR als Erziehungsdiktatur, die Stasiproblematik und die Fragen zur Bewältigung einer „fürsorglichen Diktatur“.

Budek arbeitete in der ehemaligen DDR u. a. als Regieassistent, Dramaturg und Redakteur. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Musiktheater im Ministerium für Kultur schien eine Karrieremöglichkeit gegeben. Dann kam der Bruch mit dem SED-Regime durch die Verweigerung eines geforderten Widerrufs einer kunstkritischen Bewertung zu einer Theaterinszenierung in Schwerin. Parteiaustritt, Einstufung als Dissident, Veröffentlichungs- und Betätigungsverbot im gesamten Bereich Kultur führten Budek in den beruflichen Abstieg bis hin zum Gelegenheitsarbeiter.  Seine Mitarbeit in der Friedensbewegung führte 1983 zur Verhaltung durch die Staatssicherheit. 1984 Freikauf aus der Haft in Karl-Marx-Stadt durch die Bundesrepublik Deutschland. Nach der Wende u. a. Referent und Führungsfunktionen in der Forschungs- und Gedenkstätte Normannenstraße, heute im Ruhestand, gelegentliche Publikationen und Vortragstätigkeit.

Folgender Artikel berichtete im Weißenburger Tagblatt über diesen Zeitzeugenvortrag:

 


Josef Budek erzählte Weißenburger Gymnasiasten ein Leben in der DDR 

Gefördert, gefangen und verkauft 

Einst zuständig für alle Opern im Osten, wurde er 1983 eingesperrt und später an die BRD verkauft. 

„ Ich wünsche mir, in einer deutschen demokratischen Republik zu leben“, sagte Josef Budek dem Stasi-Offizier, der ihn 1983 im Namen der DDR in Berlin verhaftete. Zwischen Budeks Traum und der DDR-Realität lagen rein orthographisch nur zwei Großbuchstaben. In der Realität aber waren es mindestens zwei Welten. Dass die Deutsche Demokratische Republik nur wenig mit ihrem Namen gemein hatte, steht heute in jedem Schulbuch. Und dort bleibt es dann auch ganz gerne, anstatt ins Bewusstsein der Schüler zu dringen. Die kennen die DDR nur noch aus sonnigen Familienfilmen wie „Good Bye, Lenin“ oder „Sonnenallee“.

 

Deshalb zieht Budek heute durch das Land und versucht, die wahre DDR dort zu erklären, wo sie im Osten begonnen hat. In der Schule! Budek: „Es ist richtiger, von der DDR als Erziehungsdiktatur zu sprechen und die Stasi ganz nach hinten zu stellen. Die Stasi kam erst dann ins Spiel, wenn alle anderen versagt hatten.“ Und das geschah selten, wie der DDR-Dissident in der Mensa des Weißenburger Gymnasiums den Schülern erklärte.

 

Das Netz an staatlichen Institutionen, Verbänden, Jugendgruppen oder Gewerkschaften war so dicht, dass kaum einer durch die Maschen fiel. Auch Budek nicht. Mit dem Vater im Streit wegen dessen SA-Vergangenheit, wurde er in Ostberlin bald selbst zum Anhänger der kommunistischen Staatsdoktrin. „Die haben uns erzählt, dass wir das fortschrittlichere System haben, dass unsere Wissenschaft die führende ist, dass die DDR am Ende einer großen Entwicklung steht“, erzählt Budek. „Mich haben sie damit gekriegt.“

 

 Eingesperrt und verkauft

 

Er macht Karriere in dem Staat, der ihn später einsperren und verkaufen wird, studiert Theater- und Musikwissenschaften, Kunstgeschichte und Germanistik. In den 70er-Jahren kommt er im Ministerium für Kultur im Fachgebiet Musiktheater an, ist verantwortlich für die Spielpläne sämtlicher DDR-Opern. 1978 der Bruch: Er weigert sich, seine positive Kritik einer umstrittenen Theater-Inszenierung zurückzuziehen. Budek muss den Staatsdienst verlassen, erhält Berufsverbot, schlägt sich als Gasmann, Tapezierer, Bierfahrer durch. Die DDR hat sich Budek zum Feind gemacht.

 

Er engagiert sich in der oppositionellen Friedensbewegung und landet 1983 im Knast. Wegen einer Idee. Der Idee zu einer symbolischen Solidaritätsaktion. Sollte er verhaftet werden, hatte er sich vorab geschworen, wollte er einen großen Auftritt hinlegen. Krach machen, Radau schlagen, damit jeder das Unrecht mitbekommt.

 

„Ich habe mich wie ein Lamm abführen lassen“, erzählt Budek in Weißenburg. Er schweigt, blickt in die Schülermenge und klopft sich mit dem Finger auf die Stirn: „So tief saß das bei mir schon drin.“ Er meint die Angst, die staatliche Propaganda. Bestes Beispiel für die versuchte DDR-Gehirnwäsche: der „Antifaschistische Schutzwall“. „Wenn du eingesehen hast, dass es notwendig ist, sich einzumauern, damit dich der Klassenfeind nicht entführt, dann bist du gar nicht eingesperrt“, fasst Budek die sehr freie Interpretation des kommunistischen Freiheitsgedankens durch die SED zusammen.

 

18 Monate Haft lautete das Urteil für Budek. Bei der Verhandlung räumte er gegenüber den Richtern eine Mitschuld an seiner Verhaftung ein. Er selbst sei viel zu lange Teil dieses Systems gewesen. Die Gefängnistore schließen sich in Berlin hinter ihm. Er blieb hinter Gittern, bis ihn der Staat wieder brauchen kann. Als Außenhandelsgut. Budek wird zusammen mit anderen Häftlingen nach Westdeutschland verkauft. Für diese Art von Einnahmen gibt es einen eigenen Posten im DDR-Haushalt.

 

Mit dem Mauerfall ist die DDR für Budek nicht erledigt. Schließlich waren deren Bürger und Funktionäre auch noch da. Letztere gründeten mit dem großzügigen Stasi-Abschiedsgeld neue Existenzen. Budek: „In den 90er-Jahren schossen in Berlin Copy-Shops, Reisebüros und Anwaltskanzleien aus dem Boden, finanziert mit Stasi-Startkapital.“ Budek traf manche später wieder auf den Straßen Berlins: „Das spezielle Grinsen dieser Funktionäre vergisst man nicht“. Auch nicht 20 Jahre nach der Wiedervereinigung.

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Schule und Fachschaft Geschichte sind der „Stiftung Zukunftsperspektiven Jugend in Zusammenarbeit mit dem Rotary Club Weißenburg“ dankbar für Übernahme aller Kosten dieser Zeitzeugenveranstaltung!

Günter Paulus, Jurist aus Zirndorf und in unterschiedlichen Funktionen am Aufbau Ost beteiligt (z. B. Leiter des Referats Recht und Abwicklung im Ministerium für Arbeit und Soziales in Magdeburg, Sachsen-Anhalt), kommt zu Vortrag und Diskussion Ende Februar oder Anfang März an unsere Schule. Die Recherchen zu seinem zweibändigen Werk „Vom Ausverkauf zum Aufschwung Ost“ führten ihn mit interessanten und prominenten Zeitzeugen zusammen, so z. B. mit Günter Schabowski und Lothar de Maiziere.