Theater

Metapher D´Sihad / Peer Gynt 2014

Metapher D´Sihad / Peer Gynt (Nuran David Calis)

 

"Children of the Ghetto", tönte es aus den Lautsprechern, als unsere drei Peer Gynts die Bühne betraten. Es ist das angestammte Recht des Theaters, auch einmal zu irritieren oder zu provozieren. Und so fiel die Wahl auf eine etwas delikate Adaption von Ibsens Klassiker Peer Gynt. Darin finden sich zwar viele Passagen des Originals, aber die Handlung wurde in die Problemviertel moderner Städte verlegt. Der junge Halbwaise Peer Gynt ist nicht nur von seiner Biographie als Zugewanderter her Außenseiter, sondern erfährt dies auch auf Schritt und Tritt. Von seinen kumpelhaften Freunden wird er nicht für voll genommen, bei Mädchen kann er nicht landen, Konkurrenten ist er unterlegen. Dafür flüchtet er sich in eine Welt von Lügen und Großspurigkeit. Seine Mutter Aase wirft ihm das zwar vor, folgt ihrem Sohn aber auf alle Lügengeschichten und hält zu ihm. Nach seinen Misserfolgen lässt sich Peer mit dem Unbekannten ein: Was im Original die Welt der Trolle ist, trägt in der Version von Calis Züge eines Gangsterclans. Peer wird erst von der Grüngekleideten verführt und anschließend von deren Bruder erpresst und ver- prügelt. Wieder zurück beschließt er im Frust über den Tod der Mutter, es der Welt heimzuzahlen. Er steigt zum reichen Nachtclubbesitzer auf, sein schmieriges Umfeld liefert ihm wunschgemäß die Verklärung seiner Persönlichkeit. Auf dem Höhepunkt des Triumphs steigert sich sein Wunsch zum Wahn, rauschhaft bringt er die Prostituierte Anitra um. Die Schuld wiegt doppelt schwer, denn er erfährt, dass die seine eigene Tochter war.  Er kommt mit dem Leben davon, muss aber Anitras Zuhälter sein Vermögen über- schreiben. Damit beginnt sein Absturz: Der alte Gynt findet sich mit anderen Bettlern unter einer Brücke wieder. Den Tod vor Augen erkennt er, dass er in seinem Leben nie er selbst war. Der Aufforderung, Bilanz zu ziehen und seine Identität zu erklären, kann er nicht nachkommen, bis ihm Erlösung in Gestalt seiner alten, von ihm zwischendurch verschmähten, aber treuen Jugendliebe Solveig winkt. Ihr Glaube an ihn ist nicht wankend geworden, in ihren Armen stirbt er schließlich.

Reizvoll: Alle drei Peers - jung, mittel und alt - sind immer auf der Bühne, die Handlung springt zwischen den Zeitebenen hin und her. Die beschränkten Mittel einer Schulbühne erzwingen Einfallsreichtum und Improvisation. Dafür gibt es starke Einzelszenen, die mitunter allerdings etwas Mut erfordern. Gewalt, sprachliche Drastik und schwüle Erotik sind hier nicht Selbstzweck, sondern Teil der Handlung und bedeutungstragend. Lieblich ist das Stück nicht, aber wie gesagt, wenn das Theater sich nicht mehr traut, auch einmal zu provozieren, droht die Verflachung.

 

View the embedded image gallery online at:
https://wvsgym.de/veranstaltungen/theater#sigFreeIdd82e3ccadf

 

Frühlings Erwachen 2.0 2014

Frühlings Erwachen 2.0  (Eigenproduktion in Anlehnung an Wedekind)

 

Am Anfang stand die Aufgabe für das P-Seminar Theater: Erstellt eine radikal aktualisierte Fassung von Frank Wedekinds Skandalstück. Die Themen sind zeitübergreifend: Schuldruck, Gruppendruck, Versa-gensängste, Umgang mit der eigenen Sexualität. Je genauer wir uns damit beschäftigten, desto deut- licher wurden aber die himmelweiten Diskrepanzen zwischen den durch 120 Jahre getrennten Lebens-welten der Jugendlichen. An die Stelle der ängstlichen Prüderie ist im Zeichen moderner Medien je nach Gebrauch eine Übersexualisierung getreten, der knechtende Normzwang ist einer libertären Gesellschaft gewichen. Wir wollten die Grundmotive beibehalten, aber im modernen Sinne realistisch bleiben. Auch unsere Wendla sollte von Melchior schwanger werden, aber nicht aus Unwissenheit darüber, dass das die Folge eines Beischlafs sein kann. Wir haben sie daher als Figur aufgebaut, die sich wissentlich gegen den Mainstream stellt, die sich von der Oberflächlichkeit der jederzeit verfügbaren Erotik angewidert zeigt und idealistisch auf das große Gefühl warten möchte. Dabei fällt sie auf Melchior herein, der mit seinem literarischen Original mehrfach verwandt ist: Er ist seinem Wesen nach Egoist, schulisch ein Überflieger und strotzt geradezu vor Selbstbewusstsein. Sexuell fühlt er sich mit allen Wassern gewaschen und surft mit traumwandlerischer Sicherheit auf den Wellen von youporne und co. Wendla stellt er daher aus eher sportlichem Ehrgeiz nach und nimmt in Kauf, dass er ihr Lebensziel zerstört. Am Ende verlässt er sie und stürzt sie in die Verzweiflung. Er selbst ist jedoch auch gescheitert, da er am Freitod seines Freundes Moritz die Mitschuld trägt. Der ist - wiederum wie das Original - auf der Verliererseite unterwegs und unterliegt dem schulischen Druck. Als er sitzenbleibt, gesteht er Melchior in einem emo- tionalen Moment, dass er ihn liebe. Melchiors überaufgeklärte Fassade bricht in sich zusammen, als er mit dem Thema Homosexualität konfrontiert wird. Er demütigt Moritz öffentlich und sieht sich nach dessen Tod mit den Schuldvorwürfen der anderen konfrontiert. Diese verkörpern eigene Facetten modernen Lebens und wurden zu Vertretern der heutigen jungen Generation aufgebaut. Die meisten realistisch, eine bewusst komisch als smartphonaffines Klischeebild. Die Lehrerszenen haben wir weggelassen, dafür gab es satirische Kommentarszenen zur Schul- und Bildungspolitik, zur medialen Sensationsgier und zu medial vermittelten Frauenbildern und Grenzüberschreitungen in der Rapszene.

 

View the embedded image gallery online at:
https://wvsgym.de/veranstaltungen/theater#sigFreeId70383839b5

Die Krone der Schöpfung, der Mensch, das Schwein 2013

Die Krone der Schöpfung, der Mensch, das Schwein (Eigenproduktion)

 

Das erste Stück aus eigener Produktion, angeregt durch Motive aus William Goldings Roman "Herr der Fliegen". Bei diesem Werk handelt es sich um ein reizvolles Stück, das aber für kleine  Bühnen nur bedingt geeignet ist. Manches lässt sich organisatorisch schwer umsetzen, die Figuren des Originals sind zu Kinder bis maximal 12 Jahren, außerdem handelt es sich dort um eine reine Jungengruppe. Es war daher eine reizvolle Frage, wie sich die Grundsituation einer zwangsweise von der Außenwelt isolierten Gruppe entwickeln würde, wenn es sich um ältere Jugendliche mit entsprechend höherer Reflexionsfähigkeit handelt, die zudem aus Mädchen und Jungen besteht. Die Grundstrukturen von Rivalitäten und Außen-seitertum wurden beibehalten, und auch bei uns sollte sich die Gewalt verselbständigen. Durch die Handlung führte ein Erzähler, der das Geschehen mal mitleidig, mal spöttisch kommentierte und für den Zuschauer Dinge erklärte, die aus der Sicht der betroffenen Gruppe unerklärlich und daher angstein-flößend waren. Die anfängliche Begeisterung weicht der Verzweiflung, das zivilisatoriscthe Selbstver-ständnis dem vermeintlich natürlich vorgegebenen sozialdarwinistischen Überlebenskampf des Stärkeren, der demokratische Konsens der Unterordnung unter die starke Führung. Wir wollten Vereinfachungen vermeiden und das Schwanken zwischen Rohheit und rebellierendem Gewissen zeigen. Am Ende sind zwei Jugendliche tot und der Erzähler erklärt dem verzweifelten gestürzten Anführer anhand der Geschichte menschlicher Greueltagen die Psychologie des "Luzifer-Effekts". Das Böse ist Teil auch Teil des Menschen. Dann verlässt er die Bühne und trägt dem Jungen noch auf, nach Möglichkeit weiterzuleben. Das Ende bleibt offen.

Es war eine interessante Auseinandersetzung einer leistungsstarken Truppe mit einer bekannten Motiv-vorlage. Alle Spielerinnen und Spieler traten unter ihrem eigenen Namen auf und konnten auch vom Alter her ganz ungehemmt auf Identifikation mit der Rolle setzen. Unserem Gefühl nach hat sich der Aufwand gelohnt.

 

View the embedded image gallery online at:
https://wvsgym.de/veranstaltungen/theater#sigFreeId05a0c8cb95

Jagdszenen aus Niederbayern 2012

Jagdszenen aus Niederbayern (Martin Sperr)

 

Ein bitterböses Gesellschaftsdrama in der Tradition der 68er-Proteste. Ein Dorf beginnt sich in der Nach- kriegszeit einzurichten und zeigt, dass es aus den Schrecken der Diktatur nichts gelernt hat. Ordnung, Wohlanständigkeit und ein eher kruder Ehrbegriff werden hochgehalten, Sekundärtugenden hingegen vernachlässigt. Damit steht letztlich fast jeder gegen jeden. Die Bäuerin, deren Mann im Krieg geblieben ist und deswegen eine Beziehung zu ihrem Knecht pflegt, wird mit Empörung überzogen, Letzterer setzt wiederum alles daran, dass der kriegstraumatisierte und als Dorfdepp belächelte Sohn der Bäuerin, Rovo,  ins Heim abgeschoben wird, und macht sich seinerseits an die junge Tonka ran, die vom gesamten Dorf als Flittchen abgestempelt wird. Die Flüchtlingsfrau aus Schlesien wird zwar als Arbeiterin geschätzt, im Übrigen aber als fremd abgelehnt. Der Pfarrer sorgt sich um die Spenden für die Kirche, der Bürger-meister um seine Wiederwahl. Geeint sind aber fast alle in der Ablehnung des jungen Abram, dem Sohn der Schlesierin. Er ist nicht nur fremd, sondern ihm werden auch homosexuelle Neigungen nach- gesagt. Tatsächlich versucht er sich zu verstellen und eine Beziehung zu Tonka einzugehen. Es kommt aber zur emotionalen Annäherung der beiden jungen Außenseiter Abram und Rovo. Ein harmloser Kuss wird zur Vergewaltigung hochgespielt, als Abram das Dorf verlassen will und sich von Tonka verabschiedet, kommt es zum Streit. Sie wirft ihm vor, eine "schwule Drecksau" zu sein, er ersticht sie darauf hin im Affekt. Nach gemeinsamer Suche aller Dorfbewohner wird er gefangengenommen und der Justiz ausgeliefert, der Ort kehrt in seine spießige Ruhe zurück.

Das Stück erfodert mit seiner schroff negativen Charakterzeichnung starke Nerven, kann aber schön ausgespielt werden. Mut zur Drastik wird letztlich mit satirischen Untertönen belohnt. Die süßlichen Klänge der Schlager aus der Nachkriegszeit geben einen wunderbar kontrastiven Hintergrund.

 

View the embedded image gallery online at:
https://wvsgym.de/veranstaltungen/theater#sigFreeId53d1975e48

 

Der Rattenfänger 2011

Der Rattenfänger (Michael Ende)

 

Die Sage vom Rattenfänger von Hameln: Michael Ende hat sie nicht nur für die Bühne umgeschrieben, sondern zugleich weitergedacht. Wie im Original wird die Stadt von Ratten terrorisiert, als ein geheim-nisvoller Unbekannter erscheint, der kein Wort spricht, aber alle mit seinem Flötenspiel in den Bann zieht. Sein musikalisch vorgetragenes Angebot, die Stadt von den Ratten zu befreien, wird von der Obrigkeit mit merkwürdigem Widerwillen aufgenommen. Dafür gibt es einen Grund, wodurch Michael Ende die Sage aktualisiert hat: Die Stadt huldigt seit Jahren dem Rattenkönig, einem Geldgötzen, der ihr Wohlstand bringt, aber dafür Unterwerfung fordert. Der Reichtum ist auf Sand bzw. auf Schulden gebaut, und je höher die Schulden steigen, desto abhängiger wird die Stadt vom Geldgötzen. Eine ins Märchenhafte gewendete Kapitalismuskritik. Zum Schein wird das Angebot des Rattenfängers angenommen, anschließend wird er aber durch die Frau des Bürgermeisters listig um seine Flöte gebracht, dann gefangengenommen und in den Schandblock gezwungen. Die Kinder von Hameln befreien ihn, aber ohne sein Instrument hat er seine Macht eingebüßt. Die Tochter des Bürgermeisters möchte den Teufelskreis durchbrechen und bringt es ihm zurück, wird dann aber im Wahn von ihrer eigenen Mutter umgebracht. Die Stadt geht letztlich  Untergang entgegen und wird im Dreißigjährigen Krieg von feindlichen Truppen überrannt, in einem letzten Aufbäumen rettet der zu Tode ermattete Rattenfänger die Kinder des Ortes, indem er sie in einem Berg führt.

Ein Stück, in dem die Hauptrolle ohne ein einziges Wort auskommt. Zugleich ein hervorragendes Werk, wenn es um sinnliche Eindrücke geht. Musik, Farblicht, Nebel, Masken, Seifenblasen, der Regisseur konnte hier aus dem Vollen schöpfen.

 

View the embedded image gallery online at:
https://wvsgym.de/veranstaltungen/theater#sigFreeId0c3c9bb357